De-Psychologisierung / Rollenfokus, Homo digitalis / Gamification

am Donnerstag, 28 November 2013.

Hier finden Sie Einladungen zu Debatten zu Themen und Fragestellungen, die für Unternehmen (Führung, HR) und Gesellschaft brisant sind.

Mein neuestes Buch „Unternehmen in der Psychofalle. Wege hinein. Wege hinaus. Mein Coach. Mein Therapeut. Mein Chef.“ Business Village Verlag 2012 hat einige Auszeichnungen erhalten; erwähnenswert v.a.: Unter den Top 10 der Wirtschaftsbücher in Österreich: wirtschaftsblatt 20121214; ferner empfiehlt„getAbstract „das Buch allen, die Mitarbeiter lieber führen als bemuttern wollen." (getAbstract, Dezember 2012; Gesamtbewertung: 8 von 10, Innovationsgrad 9 von 10.); zudem listete es als „Buch der Woche“ im Hamburger Abendblatt: "[...] Inhaltlich sehr kenntnisreich und ebenfalls sehr gut dokumentiert, führt die Autorin den Leser auf argumentativ sicheres Terrain bei diesem sensiblen und kontroversen Thema. [...] Autorin Regina Mahlmann hilft ihnen dabei mit einer klugen Analyse und einem deutlichen Wegweiser in Richtung eines Auswegs [...]" (Hamburger Abendblatt, 20./21.10.2012)

Mein Hauptziel mit diesem Buch, Artikeln und Debattenbeiträgen zum Thema Psychologisierung und Psychotherapeutisierung von Führung war und ist, eine Kontroverse auszulösen. Das ist gelungen (sollte indes noch zunehmen) und hat inzwischen den einen oder anderen Mitstreiter.

Neben sehr viel Zuspruch und Erleichterung habe ich auch Kommentare erhalten, die kritisch-nachdenklich sind und auf der aufmerksamen Lektüre von Buch bzw. Artikeln beruhen – sehr wertvoll, weil zu weiterem Nach-, Über-, Weiter-Denken anregend; andere Kommentare ließen ihrer Empörung freien Lauf, verdanken sich bedauerlicher Weise einer bestenfalls oberflächlichen, ideologisch fixierten, einer Lektüre, deren Scheuklappen eher aufeinander zu- als parallel, geschweige denn auseinander laufen. Auch diese „Auslassungen“ sind willkommen, weil sie eine Kontroverse ebenfalls befördern (können). 

Ich hoffe sehr, dass die Debatte lebhafter und qualifizierter (gedanklich schärfer) als bisher geführt werden wird und rasch Eingang in die HR-Abteilungen findet, um Führung wieder zu Personal- statt zu Persönlichkeitsführung zu machen und sie mit Blick auf die Rollen zu re-professionalisieren.

Die Wiederaufnahme der Thematik in managerSeminare November/Dezember 2013 auch auf facebook im November 2013 lässt mich hoffen, auch wenn das Verwechseln von Fühlen und Denken, die mangelnde Differenzierung in Begrifflichkeiten und darauf fußenden Kommentaren, Meinungen, Plädoyers keinesfalls ausnahmslos einem Diskurs (!) dient; als Datum selbstverständlich interessant und anknüpfbar. Mir wurde mitgeteilt, dass von einem „intellektuellen Sinkflug“ in HR-Abteilungen die Rede ist ….

Beispiele für den kategorialen und den Mix an Gefühl, Moral und Ratio: So etwa, wenn im Kontext des Plädoyers für eine Abkehr von Psychologisierung und Therapeutisierung in der Führung von Unternehmen und Personal Werte wie „Respekt“ in einer Aber-Schleife angeführt werden. Zu lesen ist dann etwa: Psychologische Führung müsse schon sein; denn Respekt und Anerkennung seien doch wichtig für eine gerechte Führung. – Nun ja ….

Hier werden munter Wissenschaft, Ethik, Ethos, moralische, anthropologische, soziale Ideologie und Praxis durcheinander vermengt. Wenn schon das Denken nicht differenziert und kategorial scharf ist, darf sich niemand wundern, wenn solches Reden nicht als Argumentation taugt.

Das ist bedauerlich, weil es auf Differenzierungen ankommt, a) wenn man etwas erkennen, verstehen, erklären können und b) qualifiziert ändern möchte ….. Hier kann ich gleich noch stichwortartig und assoziativ anfügen: Die offenkundige und seit Jahren an Verbreitung zunehmende Unlust zum gedanklichen Differenzieren (Denken, Intellektualität) überhaupt mündet schlussendlich – pointiert gesagt – in die Rhetorik der Total-Inklusion. So, wie Psychologisierung und – mit Viktor Lau – Esoterisierung von PE, OE und Führung in eine von Unternehmen nicht gewollte Totalinklusion als Vollkommen-Vereinnahmung mündet, resultiert das inflationäre und expansive Gerede von Gleichheit, Anti-Diskriminierung in die phänomenale Verwässerung, ja Unsichtbarkeit, von Differenzen als Unterschieden.

Wo dies geschieht, verschwinden aber nicht Diskriminierungen = Unterscheidungen treffen, Unterschiede wahrnehmen, sondern nur das explizite Reden davon, und diskriminiert wird dann einfach innerhalb des vermeintlich Egalitären – zu diskriminieren im obigen Sinn ist überlebenswichtig und ganz offenkundig auch eine evolutionsbiologische wie kulturevolutive Fertigkeit, auf die auch ideologisch vermeintlich dem Gleichen Verbundende sich nicht entziehen können.

Warum „zu einem Brei rühren“ statt Unterschiede zu pflegen und mit ihnen als Fakt umgehen? Warum stehen in einem ideologischen Feld Unterschiede unter dem Verdacht, reaktionär in einem pejorativen Sinn zu sein, an anderer Stelle, etwa in der Kunst oder – zuweilen noch –in der Kultur, werden sie als Kreativität etc. fördernd gefeiert? Und wenn man an diesen Unterschieden in der Handhabung von Unterschiedlichkeit festhalten will: Worauf fußt was? Welche Kategorien, Theorien, auch politische und soziokulturellen Argumente werden herangezogen? Welche Ideologie schwebt über welchen Argumenten etc. – alles Fragetypiken, die auch in der Debatte und gar in Praxis von Unternehmensführung, PE, OE, Beratung/ Weiterbildung viel zu kurz kommen – statt dessen werden Freizeitphilosophen und selbst ernannte Hirnforscher unkritisch gefeiert, zu meinem Leidwesen gerade in der Weiterbildungsbranche!

Weitere „Visionen“ (durchaus in mehreren Bedeutungen zu lesen: als „Projekt“, als wünschenswerte und anzustrebende Utopie, als Dystopie, wenn man das gegenwärtig verbreitete Niveau der Adressaten berücksichtig): Die Rede von Transparenz vernachlässigt viele Aspekte (etwa Philosoph Byung-Chul Han).

Praktisch relevant ist dieser, den ich im Gespräch mit einem Geschäftsführer thematisierte: Der Wunsch, „transparent“, also durchsichtig, zu kommunizieren und Durchsichtigkeit zur Kernphilosophie mit handlungsleitender Normativität zu versehen, scheitert in der Praxis daran, dass – selbst, wenn dies wünschenswert wäre – auf der Adressatenseite mündige, also selbst- und fremdverantwortlich agierende Personen stünden. Dass ist in Unternehmen gerade mit Blick auf die sog. Mitmachgeneration keinesfalls der Fall.

Es sind insbesondere diese digital sozialisierten und kulturisierten Personen, die den Abschied von der Aufklärung, dem humanistischen Ideal des autonomen, selbst denkenden, sich – mit Immanuel Kant – der Ketten entledigenden Individuums leben. Kernsatz: Nicht ich suche Informationen, sondern Informationen finden mich (so etwa der Young“star“ Riederle in seinem Büchlein). …..

Gerne weitere Gedanken dazu.

Verweisen darf ich auf die wenigen kritischen, inzwischen endlich auch von Feuilletonschreibern aufgenommenen Neuerdings (etwa Interview in der Die Zeit, 7. Nov.2013, S. 30) spricht „der Personalexperte Thomas Sattelberger“ nicht mehr von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sondern von „Unternehmensbürgern“. Mal von der Lächerlichkeit abgesehen: In diesem Wort oder gar Konzept steckt die Totalisierung/ Expansion von Unternehmen im Sinn einer Totalinklusion: Der „Bürger“ ist ja zuvörderst eine politische Kategorie. Wenn nun im Kontext von Unternehmen von Bürgern gesprochen wird, ist das vielfältig ausdeutbar, etwa: Unternehmen symbolisieren Gesellschaft im Kleinen (Vatikan-Modell habe ich das im Psychofalle-Buch genannt) und bestehen – so das Ideal – aus politisch mündigen Personen, die das Geschick des „demokratischen“ Staates, sprich dem demokratisch verfassten Unternehmen (so Sattelberger) lenken. Partizipation allüberall. Dumm nur –siehe oben – dass das mündige Äquivalent wenn nicht typischerweise (was ich allerdings behaupte), so doch mehrheitlich (erfahrungsgemäß) fehlt. Was demokratisch verfasste Gemeinschaften ohne dieses souveräne Subjekt leisten und nicht leisten, können wir bereits in der Bundesrepublik Deutschland im Mesomaßstab, in Unternehmen im Mikromaßstab bestaunen….

Kurzum: Dadurch, dass Klischees und Ideale wiederholt werden, werden sie nicht realistischer. Pygmalion lässt grüßen, Besonders beliebt zur Zeit: Klischee und Ideal von den genialen, selbst organisierten, hervorragend ausgebildeten, mit besten Fertigkeiten versorgten, der sharing-Philosophie in allen Lebensbereichen anhängenden, selbst- und fremdverantwortungsbewussten, ethisch korrekten und Mitmach-willigen Digital Natives. – Nun, diese Mythen gehören entzaubert und durch Realitäten ersetzt (wie an anderer Stelle gezeichnet). ….Widerspruch erbeten – bitte nicht in erster Linie „gefühlter“, sondern gern gedachter. Danke.

Ach ja, und nein, ich möchte bitte keine „Geschichten“ in Kontexten von Erwachsenenbildung, Businesskontexten, Weiterbildung erzählt bekommen. Zugunsten von „Story“ hätte ich bitte gern nachprüfbare Fakten, (konzeptuelle) Metaphern, theoretische Versuche und Annäherungen, verschiedene Denkfiguren und Perspektiven, Abstraktion, Empirie, Analyse und Synthese. Die können dann gern im Kleidchen von Geschichten, Anekdoten etc. illustriert werden.

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